Inklusionsprojekt mit Bertram der Wanderer

Rußschwarzchen, Rosenblau und die Räuber

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da gab es ein kleines Dorf hinter den großen Bergen, in dem Land mit den vielen Wäldern. Die Bauern in dem Dorf waren einfache Leute, nie waren sie aus ihrem Dorf hinausgekommen und mehr als ihre täglichen Verrichtungen hatten sie nie gelernt. So lebten sie arbeitsam und mit viel Mühe vor sich hin.

Es begab sich, dass in jenem Dorf zwei benachbarte Bäuerinnen gleichzeitig schwanger wurden und in gute Hoffnung kamen. Und kurz hintereinander erblickten auch zwei Kinder das Licht der Welt. Das erste von beiden war ein Mädchen, schon in der Wiege von wunderschöner Gestalt, doch leider von Geburt an auf beiden Augen blind. Sie war klug, konnte die Menschen bald an ihren Stimmen erkennen und Vieles ertasten – doch sehen konnte sie leider nichts. Als das Mädchen laufen konnte, spielten die anderen Kinder im Dorf ihr oft üble Streiche, denn sie konnte ja nie sehen, was vor ihr war. Und um sie zu ärgern, fragten die anderen sie ständig: Welche Farbe hat diese Tasse? Und dein Rock? Und diese Blume? Und nun riet sie eben irgendwelche Farben, deren Namen sie zuvor aufgeschnappt hatte. Einmal hielt der älteste Nachbarsjunge ihr eine rote Rose vor die Nase und fragte nach deren Farbe. „Blau“, antwortete das Mädchen auf gut Glück – und von da an nannten sie alle im Dorf nur noch „Rosenblau“. Ihre Eltern schämten sich sehr wegen Rosenblaus Blindheit, deshalb sollte sie immer im Haus und Garten bleiben.

Nicht viel besser erging es dem zweiten Kind, das nur drei Tage nach Rosenblau im Dorf geboren worden war. Diesem Jungen merkte man zunächst keine Besonderheit an, doch im Lauf der Jahre stellte sich heraus, dass er sehr langsam im Denken war. Das meiste, was man ihm zu erklären versuchte, begriff er einfach nicht, zählen konnte er nicht einmal bis drei und bei den alltäglichen Verrichtungen machte er Fehler über Fehler. Zudem schielte er, der Mund stand ihm meist offen, und wenn er sich schmutzig machte, bemerkte er das selbst nicht, weshalb er auch häufig schwarz vom Ofenruß war. Und das brachte ihm nun den Namen „Rußschwarzchen“ ein. Auch seine Eltern schämten sich seiner, und auch er durfte Haus und Garten nicht verlassen. So wurden er und die drei Tage ältere Rosenblau 17 Jahre alt.

Einmal im Mai wollte der Prinz des Landes, begleitet von ein paar treuen Rittern, auf Brautschau gehen. An einem schönen Frühlingstag ritt er los, von Dorf zu Dorf, und weil er jung und ungestüm war, galoppierte er seinen Gefährten davon, bis er sich in einem einsamen Wald nicht mehr zurecht fand. Dennoch ritt er furchlos weiter, so kam er am Rand eben dieses armseligen Dorfes aus dem Wald heraus. Ohne zu wissen, wo er sich befand, zügelte er sein edles Pferd und ließ es im Schritt die Dorfstraße hinuntergehen.

Im Dorf aber hatte sich längst herumgesprochen, dass der Prinz sich eine Braut zu suchen gedachte, und die Bauern hatten ihre Töchter so gut herausgeputzt, wie sie es nur vermochten. Wer wusste schon, ob und wann der Prinz in ihr Dorf käme? Beim Anblick des Edelmannes auf dem schönen Pferd wurden die Töchter schnellstens vor die Häuser geschickt – vielleicht würde der Prinz sogar eine von ihnen erwählen? Nur Rosenblau nicht, die kam mit ihren blinden Augen natürlich nicht in Frage.

Das blinde Mädchen musste also in Haus und Hof bleiben wie immer. Aber wie es das Schicksal wollte, sollte sie genau in dem Augenblick, als draußen der Prinz vorbeiritt, einen Korb Kleinholz aus dem Schuppen holen. Der Prinz spähte im Vorüberreiten durch das Hoftor und erblickte ihre schöne, schlanke Gestalt. Da hielt er sofort das Pferd an, sprang ab, ging die paar Schritte zum Hoftor und fragte sie nach ihrem Namen.

„Rosenblau“, antwortete sie. Erschrocken von dieser plötzlichen Anrede gab sie aber zu wenig Acht, als sie sich ihren Weg ertastete, und stolperte über ein paar vom Holzstapel gefallene Ofenscheite.

'Sie ist wohl schusselig', fuhr es dem Prinzen durch den Kopf, und so stieg er wieder auf und ritt weiter. Aber irgendwie ging ihm dieses schöne Mädchen nicht mehr aus dem Sinn, und so beachtete er die anderen, hübsch herausgeputzten Bauerntöchter nicht, bis er am Ende des Dorfes wieder den Waldrand erreichte und seinen Weg durch den Wald fortsetzte.

Der Bauer vom letzten Haus des Dorfes rief dem schönen Edelmann noch nach, er möge sich vorsehen, in diesem Wald gebe es Räuber, die ihr Unwesen trieben. Der Prinz aber hörte nicht auf die Warnung.

Und wie ihr euch denken könnt, wurde dies für den Prinzen zum Verhängnis. Denn bald hatten die Räuber den Hufschlag des edlen Pferdes vernommen, schon lagen sie am Wegrand auf der Lauer. Im Wald kam der Prinz nur noch im langsamen Trab voran. Plötzlich sprangen ihm die Räuber in den Weg, zwölf schwarz vermummte Gestalten, mit Säbeln und Holzstöcken bewaffnet. Auch der Prinz zog mutig sein Schwert, aber wie hätte er allein gegen die Räuber gewinnen sollen? Die Räuber schlugen ihm das Schwert weg, im Handumdrehen war er gefangen und fand sich gefesselt in der unterirdischen Räuberhöhle wieder, im geheimen Versteck der Bande.

Die treuen Begleiter des Prinzen hatten ihn inzwischen gesucht, aber es war nicht leicht für sie gewesen seine Spur zu fnden. Endlich kamen sie in jenes Dorf und dort fragten sie, ob jemand den heißblütigen Edelmann gesehen habe. Von den Dorfbewohnern erfuhren sie, wohin der Prinz geritten war, und man warnte sie auch vor den Räubern. So schnell sie konnten, eilten die Begleiter dem Prinzen nach, schließlich entdeckten sie anhand der Huf- und Fußspuren auch die Stelle, an der der Prinz offenbar mit den Räubern gekämpft hatte, hier lag sogar dessen Schwert. Den Weg zum Versteck der Räuber aber konnten sie nicht finden, denn diese hatten schlau mit abgebrochenen Zweigen ihre Spuren verwischt.

Da blieb den Rittern nichts anderes übrig als zum König zurück zu reiten und dort alles zu berichten. Der König war in größter Sorge um seinen einzigen Sohn, und er versprach eine Belohnung von eintausend Goldtalern demjenigen, der den Prinzen zu retten und wohlbehalten zurückzubringen vermochte. Dies ließ er sofort im ganzen Land verkünden.

Als die Bauern des kleinen Dorfes am nächsten Morgen davon efuhren, machten sie sich auf in den Wald. Denn wem könnte es leichter gelingen, das Räuberversteck und den Prinzen zu finden, als ihnen, die sie doch so nah wohnten? Ab und zu war ein Bauer auch zuvor in jenem gefährlichen Wald gewesen, wenn das Brennholz sehr knapp war oder der Hunger gar groß.

Ihre Frauen warnten sie, sie flehten sogar, die Männer sollten sich nicht in so große Gefahr begeben. Aber die Bauern dachten nur an die Goldtaler, und damit diese ihnen auch ja niemand wegschnappte, eilten sie schnell in den Wald. Nur überschätzten die Männer ihre eigenen Fähgkeiten, sich in dem doch ziemlich unbekannten Wald zurecht zu finden, und verliefen sich.

Die Bäuerinnen hatten inzwischen eine klügere Idee: Sie wollten nicht einfach nur in diesem Wald herumsuchen, sie wollten die Räuber mit einer List finden. Und wie? Die älteste Großmutter des Dorfes hatte den Einfall: Bestimmt hausten die Räuber schon lange allein im Wald, und dort aßen sie eben, was sie so fanden. Aber mit gutem Essen kann man so manches harte Männerherz bezwingen. Also buken die Bäuerinnen eifrig Kuchen, den sie noch warm und wunderbar duftend auf einem Teller an den Rand des Waldes brachten. Bestimmt würden die Räuber dieser Verlockung nicht widerstehen. Dann versteckten sich die Frauen hinter einem dichten Gebüsch.

Ihre List schien zu gelingen, denn wirklich kamen schon bald ein paar von den Räubern angeschlichen, und die verschlangen erst einmal die Hälfte des duftenden Kuchens. Dann waren sie pappsatt, also packten sie den restlichen Kuchen und trugen diesen wirklich zu ihrer Höhle. Die Bäuerinnen folgten ihnen, doch sie wunderten sich, denn unter den Räubern war auch eine Frau, ebenso schwarz gekleidet wie die anderen Räuber. Es war keine alte Frau mit langer Hakennase, großem Buckel, schlechten Zähnen und einem buntgescheckten Kittel – und doch war sie eine Hexe.

Als die Bäuerinnen jetzt den Räubern nachzuschleichen versuchten, streute die Hexe ein Pulver aus zerriebenen Kräutern auf den Weg – und die Wege im Wald veränderten sich. Kein Weg führte mehr dorthin, wo er ursprünglich hinführte, alles war verwirrt. Die Räuber mit dem Kuchen liefen vor der Wegverwirrung her, und konnten so ganz einfach in ihrer Höhle verschwinden. Aber die Bäuerinnen wurden auf ihrem Weg wieder zurück ins Dorf geführt, der Weg hatte sich einfach zurückgebogen.

Die Bauern des Dorfes hatten sich ja im Wald verlaufen. Für sie aber war der Hexenzauber ganz praktisch, denn die Hexe hatte alle Wege anders verlaufen lassen. Und so brachte ein Weg die Männer zufällig ganz in die Nähe der Räuberhöhle. Vor dem Eingang aber hatte die Hexe ganz besondere Brombeersträucher gepflanzt, mit dicken, fast schwarzen, reifen Beeren. Auf ihrem langen Irrweg durch den Wald hatten die Bauern gehörig Hunger bekommen und so machten sie sich mit großem Appetit über die süßen Früchte her.

Doch die Hexe hatte diese Beeren verzaubert. Warum? Um das Räuberversteck zu schützen. Kaum einer, der dorthin gelangen sollte, würde den verlockenden reifen Beeren widerstehen können – und sobald man drei davon gegessen hatte, schlief man tief und fest ein. Bald also erfüllte lautes Schnarchen die Luft in der Nähe der Räuberhöhle.

Die Bäuerinnen waren inzwischen wieder im Dorf angekommen und begriffen nicht, wie dies hatte geschehen können. So blieben sie völlig verwundert auf dem Dorfplatz stehen. Laut sprachen sie über dieses unerklärliche Missgeschick. Außerdem war schon bald Nachmittag, und die Männer waren noch immer nicht zurück. Was konnte nur geschehen sein? Die Frauen waren in größter Sorge.

Sie sprachen so laut und aufgeregt, dass es auch Rußschwarzchen hörte, der im Hof des elterlichen Bauernhauses seit dem Morgen damit beschäftigt war, die Hühner zu füttern. Seine Mutter hatte ihm dies aufgetragen, danach aber hatte die Mutter nur noch an die Belohnung gedacht und Rußschwarzchen vergessen. Und so lief er, um den Auftrag der Mutter brav zu erledigen, noch immer den Hühnern hinterher, die längst kein Interesse mehr an den hingeworfenen Körnern hatten, waren sie doch übersatt. Wenn Rußschwarzchen die Strohschüssel mit den Körnern leer geworden war, musste er erst die von den Hühnern verschmähten Körner vom Boden aufsammeln. Dann setzte er sich ein wenig, um sich auszuruhen. Und dann fing er brav wieder an, die Hühner mit Körnern zu bewerfen, die gackernd davonliefen.

Jetzt aber drangen die aufgeregten Stimmen seiner Mutter und der anderen Frauen an sein Ohr. Rußschwarzchen begriff nicht, was da los war, aber dass etwas los war, das begriff er wohl. Die Bäuerinnen durfte er nicht fragen, denn seine Mutter schimpfte immer, wenn er sie im Gespräch mit anderen störte. Aber Rosenblau, das blinde Nachbarsmädchen, die wusste auf vieles eine Antwort.

Ohnehin war das blinde Nachbarskind der einzige Mensch im Dorf, der Rußschwarzchen ernst nahm. Manchmal setzte sich der Junge, den alle für dumm hielten, auf die niedrige Mauer, die die beiden Grundstücke trennte, besonders wenn er Rosenblau drüben auf der anderen Seite mit sanfter Stimme singen hörte. Er konnte sie alles fragen, was ihm durch den Kopf ging. Und sie ärgerte ihn nie oder schalt ihn nie. Und er hatte längst begriffen, dass er sie nicht nach sichtbaren Dingen fragen durfte, denn die sah sie ja nicht. So einfach war das.

Jetzt fragte er sie nach dem Grund für die allgemeine Aufregung. Rosenblau hatte mit ihrem feinen Gehör erlauscht, was geschehen war. Und sie erklärte ihm alles, so gut sie es selbst verstanden hatte.

„Dann müssen wir in den Wald“, sagte Rußschwarzchen entschlossen. „Wir müssen unseren Vätern und den anderen Bauern helfen.“

„Aber nein, das können wir doch nicht,“ entgegnete Rosenblau. „Ich kann mich im Wald nicht zurecht finden, ich sehe ja nichts. Ich würde sofort hinfallen.“

„Aber ich kann dich führen“, beharrte Rußschwarzchen und ergriff fest ihre Hand. „Ich führe dich, und du sagst mir, wohin ich dich führen soll. Dann werden wir die Bauern finden. Und die Räuber. Und den Prinz. Und die Belohnung! Vielleicht kriegen wir Weihnachtsplätzchen. Die schmecken so gut!“

„Oh, Rußschwarzchen“, lachte Rosenblau freundlich, „Weihnachtsplätzchen gibt es doch nicht im Frühjahr, jetzt ist doch Mai.“

„Aber Weihnachtsplätzchen sind die beste Belohnung, die es gibt“, beharrte Rußschwarzchen. „Und für einen Prinzen muss es die beste Belohnung geben.“

Schon sprang Rußschwarzchen auf Rosenblaus Seite die Mauer herunter. Das hatte er nie zuvor getan, fürchtete er doch den Tadel seiner Eltern. Die Aussicht auf Weihnachtsplätzchen aber ließ ihn alles andere vergessen. Er packte erneut Rosenblaus Hand, die er für seinen Sprung losgelassen hatte, und zog sie hinter sich her.

Und Rosenblau ließ sich das gerne gefallen, war doch der liebenswürdige Nachbarsjunge stets ihr einziger Freund und Kamerad gewesen. Auch wenn sie nicht daran glaubte, dass es den beiden irgendwie gelingen könnte, den Prinzen zu befreien.

Meint ihr, dass die beiden das Räuberversteck finden konnten? Wirklich, sie schafften es. Rosenblau konnte nämlich viel besser hören und riechen als andere Menschen, mussten ihr diese beiden Sinne und ihr Tastsinn doch das fehlende Augenlicht ersetzen. Und wenn Rußschwarzchen glaubte, irgendetwas erblickt zu haben, das wichtig sein könnte, beschrieb er es seiner Freundin, so gut er eben vermochte.

Mit vereinten Kräften kamen die beiden zu der Stelle, an der der Prinz gefangen genommen worden war. Dabei hatte der Prinz nämlich sein Taschentuch verloren, das mit einem teueren Parfüm beträufelt war. Rosenblau entdeckte dies mit ihrer feinen Nase und erinnerte sich auch an den Duft, den sie schon am Tag zuvor gerochen hatte, bevor sie so unglücklich über die Holzscheite gestolpert war.

In der Nähe des Taschentuchs waren viele Zweige umgeknickt, was Rußschwarzchen verwundert bemerkte – und er beschrieb seiner Gefährtin einen schmalen Pfad hinter einem dichten Gestrüpp. Diesen Pfad, den die Ritter gestern nicht entdeckt hatten, nahmen sie und wirklich kamen sie bald in die Nähe der Räuberhöhle. Die Bauern, die ja in der Nähe der Räuberhöhle eingeschlafen waren, hatten die Räuber in der Zwischenzeit ausgeraubt und dann ans andere Ende des Waldes geschleppt, dort werden sie erst am nächsten Tag wieder aufwachen.

Auf einmal jauchzte Rußschwarzchen auf. „Scht!“, wies ihn Rosenblau zurecht. „Brombeeren!“, flüsterte er so leise, wie er es in seiner Aufregung vermochte. „Wunderschöne, reife Brombeeren. Fast schwarz und süß. Die kenne ich! Hmmmm“, und schon streckte er die Hand nach den dicken, süßen Früchten aus.

„Halt! Vorsicht!“, ertönte sogleich die warnende Stimme Rosenblaus. „Da stimmt etwas nicht. Jetzt im Mai können noch keine Brombeeren reif sein. Das müssen verzauberte Gewächse sein, iss die bloß nicht!“ Und Rußschwarzchen glaubte seiner Freundin und hörte auf die Warnung.

Plötzlich vernahmen sie Schritte hinter sich...

© Bertram der Wanderer

 

Die selbsterfundenen Fortsetzungen des Märchens

unserer 3. und 4. Klassen finden Sie hier:

http://www.bertram-der-wanderer.de/inklusionsprojekt/